Schockiert von Teilen der deutschen Gesellschaft

Das ist ein Thema, das nur indirekt zu diesem Blog passt, aber da es hier in erster Linie um mich persönlich geht, also meine Meinung und meine Ansichten, ist es vielleicht doch richtig, hier darüber zu schreiben.

Ich bin seit einiger Zeit aktiv in einer Flirting-App, um neue Leute kennenzulernen. Natürlich trifft man dort nicht nur auf nette Menschen, aber prinzipiell habe ich keine schlechten Erfahrungen gemacht – bis gestern. Man schreibt sich über diese App und wenn man möchte, kann man die Handynummern austauschen, um in Whatsapp zu schreiben und genau das tat ich bei M. M ist Polizist in Würzburg und hat als Profilbild in whatsapp einen Adler und das Wort „Patriot“:

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Der Status ist: Mallorca da bin ich daheim. Links und rechts daneben befindet sich jeweils ein rotes Herz und zwei Bierkrüge, die miteinander anstoßen. Während wir in der App geschrieben haben, hatte ich den Eindruck, einen vernünftigen 25-Jährigen vor mir zu haben, der mit beiden Beinen im Leben steht und seinen Beruf liebt. So soll das ja auch sein. Allerdings machten mich das Bild und der Status in Whatsapp direkt stutzig und ich schrieb ihm, dass das Bild von ihm sich dadurch ziemlich verändert und er mir doch erklären soll, was sein Foto für ihn bedeutet:

„Naja ich bin einfach stolz darauf deutscher zu sein. Das zeichnet n patrioten aus, dass er stolz auf sein land ist. In deutschland ist man dann zwar gleich ein nazi aber was andere dann drüber denken ist mir egal. Bin stolz deutscher zu dein und hier zu leben.“

(Diese und alle weiteren Zitate in „…“ sind wörtlich aus dem Chat übernommen, enthalten deswegen vielleicht Rechtschreibfehler oder Klein- statt Großschreibung)

Das war schon nicht ganz die Antwort, die ich mir erhofft hatte und leider klang es viel zu sehr nach der Antwort, die ich befürchtet hatte. Also testete ich seine Toleranz und seinen Sinn für Gleichberechtigung mit folgender Frage: „Sollte eine Ehe zwischen Homosexuellen gleich viele Recht und Pflichten haben, wie eine zwischen Heterosexuellen?“

M: „Ich weiß dass eir da sowieso unterschiedliche meinungen haben aber ich bin ja ned zum schleimen hier.“
M: „Ich bin der meinung dass homosexuell einfach unnatürlich ist. Hat die natur so nicht vorhergesehen. Deswegen bin ich der meinung dass homosexuelle paare auf keinen fall die selben rechte haben sollten. Bund der ehe is zwischen mann und frau…punkt.“

Am meisten geschockt haben mich die Worte „auf keinen Fall“.

Ich habe dann versucht, möglichst sachlich, um ihn wirklich auf voller Linie zu überzeugen, zu argumentieren: „Ok, ich finde es gut, dass du ehrlich warst, obwohl du wusstest, dass ich wahrscheinlich eine andere Meinung habe. Ich kann deine Meinung in keinster Weise nachvollziehen. Für mich sind Toleranz und Gleichberechtigung die wichtigsten Ziele der heutigen Gesellschaft und ich komme ehrlich gesagt mit Menschen nicht zurecht, die da andrer Meinung sind. Ich muss sagen meine Interpretation deines Profilbildes hier ging dann doch sehr in die richtige Richtung. Ich wünsche dir viel Glück in deinem Leben und in deinem Beruf und lege dir sehr ans Herz, einen Monat lang durch Asien zu reisen. Wirklich reisen. Du wirst viel über andere Kulturen lernen, aber auch viel über dich und die Gesellschaft im Allgemeinen. Wenn du danach andere Ansichten hast, darfst du dich gerne melden, aber wenn nicht, werden wir uns weder sehen noch schreiben. Ich finde es ehrlich gesagt schockierend, mal wieder, denn ich denke, dass du abgesehen von dem Teil dass Homosexualität unnatürlich ist, keinen Teil aus der Bibel ernst nimmst oder vollkommen auslebst.“

M: „Also gut. Die meinung werde ich nicht ändern. Toleranz schön und gut. Aber ich bin an der „front“ und ich sehe welche straftaten von wem begehen werden. Und als deutscher tut das weh. Du bist in der hinsicht genauso dickköpfig wie ich und lässt dich da auch ned von abbringen. Aber wir holen uns mit unserer toleranz die terroristen ins eigene land. Das ist kein rechtsradikales gelaber aber ich hab da mal 2 stunden mit einem irakischem christlichen asylbewerber unerhalten der mir gesagt hat was in den unterkünften abgeht und was die leute für drohungen aussprechen was sie machen werden wenn ihr asyl abgelehnt wird. Aber kannst dich in 10 jahren nochmal melden wenn du vor lauter toleranz auch muslime bist und in deutschland mehrere anschläge von leuten verübt wurden, denen wir gegenüber tolerant sind und in wohnungen unterbringen wo wir rentner rausschmeißen die 50 jahre hart gearbeitet haben und weniger geld zu verfügung haben als ein asylbewerber.“

Klingt ziemlich nach Pegida, oder? Sollte sich ein Polizist so anhören?

Ich: „Ok, das war jetzt zu viel. Ich muss jetzt auch noch sagen, dass ich geschockt bin, dass gerade du Polizist bist.“

M: „Ich war auf genug demos und asylbewerber haben uns beleidigt, bespuckt und mit steinen/flaschen beworfen.“

Ich: „Und du warst noch nie auf Demos, bei denen deutsche das gleiche gemacht haben?“

M: „Doch…linke. aber die sind ja keine deutschen…das sind ja menschen (o-ton auf demos)“

Ich: „Ich kann ihre Wut auch nachvollziehen. Sie kommen in ein anderes Land, wollen Frieden, ein neues Leben. Und statt möglichst bald einen neuen Job, einen neuen Alltag zu haben, dürfen sie in ihren Unterkünften sitzen und sich den ganzen Tag Sorgen machen und sich an ihre Flucht erinnern. Was sie da erlebt, gesehen und gehört haben, sollte nie ein Mensch erleben, sehen und hören müssen“

Danach habe ich ihn blockiert. Das bedeutet, er kann mir keine Nachrichten mehr schicken.

Daraufhin habe ich erst einmal mit meiner Mutter telefoniert. Nicht direkt, weil ich das Verlangen danach hatte, sondern weil sie mir eine e-Mail geschickt hatte und ich sie sowieso Mal wieder anrufen sollte. Ich habe ihr dann hiervon erzählt und war einfach zutiefst erleichtert, dass auch sie als Vertreterin einer anderen Generation meine Meinungen und Ansichten komplett teilt. Ich hab dich lieb, Mama! Danke für die Art von Erziehung, die du mir gegeben hast, die mich zu dem Mensch mit den Ansichten gemacht hat, der ich heute bin.

 

Mir ging diese ganze Schreiberei dann durch den Kopf und ich kam damit schlicht und einfach nicht klar. Wie kann es sein, dass Menschen tatsächlich so denken? Oder bin ich vielleicht die, die anders denkt? Damit ich ein paar Antworten sammeln konnte, postete ich in zwei Facebook-Gruppen in Facebook und schrieb (fast) jedem meiner Facebook-Freunde die gleiche Nachricht. Darin stand die Bitte, kurz oder länger auf die drei folgenden Themen Stellung zu beziehen:

Schwule und Lesben: komplett gleiche Rechte, wie eine heterosexuelle Lebenspartnerschaft?

Flüchtlinge: Alle gewaltbereit?

Deutsche Patrioten: direkt Nazis oder eine akzeptable Bezeichnung?

 

Ich bekam nach kurzer Zeit schon einige Antworten und ich kann schon einmal vorwegnehmen, dass mich die meisten sehr erleichterten. Allerdings erwischte ich mich dabei, wie ich bei manchen Facebook-Freunden zögerte, bevor ich die „Umfrage“ abschickte, weil ich die Befürchtung hatte, dass ihre Meinung nicht zu meiner passt und sich dann mein Bild von diesen Menschen negativ verändern würde. Aber dann machte ich mir klar, dass ich auch bei M schon geschrieben habe, dass ich mit solchen Menschen keinen Kontakt mehr haben möchte – und schickte ab. Natürlich würde ich sie nicht direkt als Freund auf Facebook löschen, aber ich würde ihnen meine Ansicht erklären und herausfinden, wie sicher sie sich ihrer Meinung sind. Ob sie vorgefasst ist – von irgendwo aufgeschnappt. Oder wirklich selbst reflektiert. Denn ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Mensch, der über diese Themen reflektiert, nicht zu den gleichen oder ähnlichen Schlussfolgerungen kommt, wie ich. Wäre allerdings keine Einsicht vorhanden, würden diese Menschen kein Teil meines Lebens mehr sein – auch nicht meines Online-Lebens. Ist diese Reaktion zu krass?

Ich bin ein Mensch, der sich immer viele Gedanken macht. Egal zu welchem Thema. Auch zu Kleinigkeiten. Aber eben auch zu diesen drei großen Themen. Ich kann nicht sagen, dass ich mich darüber super informiere, aber ich versuche mich in die Menschen hineinzuversetzen und frage mich, inwieweit etwas mich beeinflussen würde – negativ oder positiv. Ich kann zum Beispiel sagen, dass ich ein weniger schlechtes Gewissen habe, wenn homosexuelle Paare Kinder adoptieren dürfen und dadurch die Kinderheime kleiner werden oder eines Tages komplett verschwinden. Solche Veränderungen sehe ich auch schon als Beeinflussung meines Lebens.

Meine eigenen Ansichten verfasse ich ganz am Ende dieses kleinen Projekts – würde euch aber mitteilen, wenn sich durch die ankommenden Nachrichten meine Meinung in manchen Punkten leicht verändert hat.

In den nächsten Tagen veröffentliche ich einen oder mehrere Beiträge zu den Stellungnahmen, die mich erhalten haben – freue mich aber auch noch über mehr davon! Also schicke mir entweder eine Mail (caro-fotografie@web.de) oder schreibe mir auf Facebook (Carolina Löger). Alle Aussagen werden anonymisiert veröffentlicht.

 

Noch ein paar Gedanken, die mir währenddessen kamen:

Mein erster Kontakt mit Flüchtlingen war im Zug nach Würzburg. Mein erster Gedanke war: ohje, bitte sprecht mich nicht an. Das war nicht gerade mein bester Tag und ich wollte einfach meine Ruhe haben. Ich habe aber schon öfter erlebt, dass diese Menschen Deutsche ansprechen und in ein Gespräch mit schlechtem Englisch verwickeln. Darauf hatte ich heute nicht wirklich Lust.
Irgendwann kam der Schaffner und kontrollierte die drei Männer. Sie fragten ihn etwas und sein Englisch war so bescheiden, dass ich ihnen danach anmerkte, dass sie immer noch Fragen hatten. Also lächelte ich sie an und kurze Zeit später wurde ich schon darum gebeten mir einmal den Zettel anzusehen, auf dem vermerkt war, wann welcher Zug zu nehmen sei. Wir kamen ins Gespräch und ich erfuhr so einige Dinge: die Männer waren Syrier. Flüchtlinge. Aber sie wirkten glücklich, was mich sehr verwirrte. Nur ein Mann sprach Englisch und das auch nur mittelmäßig, trotzdem konnte ich sie in Bezug auf ihren Reiseplan beruhigen. Er erzählte mir dann, dass sie nach Deutschland kamen und alles sah so wunderschön aus: die Natur, die Menschen, alles. „Hier ist es so sauber und die Leute sind so nett!“ Die drei Männer kamen aus Zirndorf bei Nürnberg. Dort befindet sich eine Flüchtlings-Auffang-Station und von dort werden sie auf verschiedene Standorte verteilt. Sie waren auf dem Weg nach Trier, wenn ich mich nicht irre. Ich bekam dann auch den vorläufigen Ausweis präsentiert – ganz stolz. Darauf war zu sehen, dass der Mann verheiratet war und ich fragte ihn, wo seine Frau wäre. Er meinte, sie wäre noch in Syrien. Er müsste hier erst einen Platz finden, zu dem sie kommen könnte und die Überfahrt wäre so gefährlich gewesen. Wenn man diesen Satz alleine liest, könnte man heulen. Zumindest ich. Aber die Art und Weise, wie er es gesagt hat, klang nicht traurig oder besorgt, sondern voller Hoffnung. Er war sich sicher, dass seine Frau nachkommen würde, dass es ihnen dann in Deutschland besser geht. Irgendwann war er sogar zu Scherzen aufgelegt: fragte mich, ob ich verheiratet wäre und ob ich nicht Interesse an einem der zwei anderen Männer hätte, die wären beide noch single und in Syrien dürfte man sowieso mehrere Frauen haben. Wir unterhielten uns also ganz locker und ich begleitete sie in Würzburg noch zu ihrem Gleis und sagte dem Schaffner des Zuges Bescheid, dass die drei fast kein Englisch verstehen und im letzten Abteil sitzen würden.

Das war eindeutig eine der beeindruckendsten Zugfahrten meines Lebens. Menschen, denen so viel Leid geschehen ist und die sicherlich in Deutschland nicht (von allen) mit offenen Armen empfangen wurden, fühlten sich hier heimisch, willkommen und waren, soweit es ihnen möglich ist, glücklich. Und das Gefühl, das am deutlichsten rüberkam war die Dankbarkeit.

 

In dem Moment dachte ich, dass Deutschland im Hier und Jetzt angekommen ist. Wenn sich diese Menschen willkommen und sicher fühlen, muss doch etwas richtig laufen. Und dann kommt so ein Whatsapp-Gespräch wie am Anfang dieses Beitrags. Während ich die Umfrage-Ergebnisse gesammelt habe, konnte ich mich nicht entscheiden, ob ich mich heulend in einer Ecke verkriechen sollte oder direkt anfange, Menschen aufzuklären: einmal klopfen bei meinem Nachbarn im Wohnheim und ihn zu dem Thema befragen oder ihn zum Nachdenken bewegen. Ich entschied mich für eine Mischung: in der Wohnung bleiben und trotzdem aufklären.

Meinungen erwünscht! Gern per Mail (caro-fotografie@web.de) oder als Kommentar!

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2 Gedanken zu “Schockiert von Teilen der deutschen Gesellschaft

  1. Ist ja schon witzig an sich, dass dieser grosse Patriot „in Mallorca daheim“ ist. Was wohl die Spanier davon halten, dass Massen von Deutschen ihre schöne Insel stürmen? Darunter auch bestimmt nicht wenige „Wirtschaftsflüchtlinge“, die sich dort ein besseres Leben erhoffen.
    Von einem grossen Patrioten würde ich jedenfalls erwarten, dass er gefälligst die toitsche Wirtschaft unterstützt und seinen „Front“-Urlaub in Bayern oder an der Nordsee oder so verbringt. Grauslig.

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