Tätowierte Menschen

… sind weder schlechter noch besser. Sie sind weder böser noch netter und auch nicht hübscher oder weniger hübsch. Sie sind nicht unbedingt Biker oder Nazis.

Es ist einfach eine Art, seinen Körper zu lieben und zur Schau zu stellen. Andere tragen dafür täglich Lippenstift. Manche bevorzugen auffällige Schuhe. Und ich stehe eben auf Tattoos (und Lippenstift und Schuhe). Wie viele andere meiner Generation ebenfalls. Ich werde also in 70 Jahren nicht die einzige schrumplige Oma mit Tattoos sein – und das ist auch gut so!

Für mich kann ein Tattoo nicht nur schön sein. Es muss eine Bedeutung haben. Diese Bedeutung muss aber nicht unbedingt in dem Motiv stecken, sie kann auch darin verankert sein, wer mit anwesend war, als du dir das Tattoo hast stechen lassen. Oder für wen du es gemacht hast. Oder wo.

Meine Orte haben eine Bedeutung. Mein erstes Tattoo habe ich mir in Lissabon stechen lassen, der letzten Station meiner viermonatigen Reise im Jahr 2014, die mich sehr geprägt hat. Das zweite kam 2015 in Dortmund dazu: der Heimatstadt meines verstorbenen Vaters. Und das dritte (das ihr morgen zu sehen bekommt), 2016 in Würzburg. Der Stadt, in der ich fünf Jahre meines Lebens verbracht und studiert habe.

Sind euch die Jahreszahlen aufgefallen? Eines pro Jahr … mal sehen, ob ich das beibehalte 🙂

Beim ersten Tattoo war ich alleine. Ich bin alleine gereist und komme auch bei allem super allein zurecht. Meistens bedeuten mehrere Personen nur mehr zu organisieren für mich, weil ich immer mit Menschen in Kontakt komme, die selbst weniger organisationsfreudig sind – oder suche ich sie mir deswegen aus?! Beim zweiten begleitete mich mein Bruder – und ließ sich das gleiche Motiv stechen! Beim dritten hatte ich meine beste Freundin dabei, die ich schon aus Schulzeiten kenne und die mich in jeder Situation versteht und unterstützt! Außerdem war es geplant, dass meine zweitbeste Freundin dabei sein sollte, allerdings kam ihr ihre Mutter in die Quere – da kann man nichts machen 😉

Diese gerade aufgezählten Bedeutungen können niemals ihren Wert verlieren – selbst, wenn mir das Motiv irgendwann nicht mehr gefallen sollte (was ich mir gerade gar nicht vorstellen könnte) oder es nicht mehr schön aussieht oder Ähnliches.

Das Geld. Klar kostet ein Tattoo etwas. Aber Klamotten, ein Bild zum Aufhängen, ein neuer Teppich, … auch. Und trotzdem kaufen wir es. Also warum nicht für ein Tattoo bezahlen?

Erinnerungen. Ja, ich verknüpfe Erinnerungen mit meinem Körperschmuck. Und ja, ich hätte sie auch, wenn ich sie mir nicht hätte stechen lassen – aber: so werde ich täglich mehrmals daran erinnert. Und es sind ja schöne Erinnerungen. An Menschen und Orte und Dinge, die mir wichtig sind.

Schmerzen. Ja, das tut schon weh. Man sagt, die Geburt eines Babys tut auch weh. Aber sobald man es in den Armen hält – sobald man sein Tattoo im Spiegel oder an sich direkt sieht – sind sie vergessen.

Verheilung. Man muss schon etwas aufpassen, dass man sich nicht aus Versehen kratzt oder zum Beispiel einen BH trägt, der ständig über diese Stelle reibt. Baden ist auch erst einmal verboten. Genauso wie sonnen (eine zeitlang – und danach immer nur mit Sonnencreme auf den Tattoos, da sie sonst verblassen können). Schwimmbad? Lieber warten. Sonnenstudio? Besser nicht.
Dank der super Folie, die komplett an der Haut klebt und ein paar Tage drauf bleiben soll, hatte ich aber nie Blutungen oder Schorfbildung. Es ist echt super verheilt. Jedes Mal.

Tätowierer. Beißen nicht. Sind Künstler. Sehr nett und weltoffen und tolerant. Hervorragende Gesprächspartner und interessante Persönlichkeiten – komplett positiv gemeint!

Meine Tattoos stehen für mich für Einiges, deswegen wird das einfach aufgezählt:

Schönheit – Tattoos sind Kunst

Bestärkend und ermutigend

Körperbewusstsein und Selbstliebe – wie soll dich jemand lieben, wenn du dich nicht liebst?

Körper und Seele vereint

Stolz und Selbstbewusstsein

Beständigkeit – ist ja sonst nicht gerade eine Eigenschaft von mir 😉

Motivation zum Sport – Tattoos an schlaffen Körpern sehen einfach nicht gut aus

Wem erzähle ich von meinen Tattoo-Plänen? Ich frage meine Freunde vorher um Rat. Meistens lasse ich mir aber nicht reinreden, sondern sammel lieber die „Wooooow – super Idee“ und „sieht saucool aus, steht dir bestimmt!“ ein. Ich mache mir ja immer so viele Gedanken vorher, dass die Idee dann wirklich ausgereift ist und es eigentlich nichts mehr zu verbessern gibt – aus meiner Sicht. Und weil meine Tattoos auch immer eine wichtige Bedeutungen haben, traut sich keiner das Tattoo zu kritisieren – sonst wird indirekt auch die Bedeutung kritisiert. Meiner Mama zeige ich immer erst das Resultat – ein paar Tage später – verheilt und nicht mehr rot umrandet. Klar, dann ist es zu spät. Aber das ist ja der Sinn davon… denn eine Mama will einfach nicht, dass ein Kind eine Entscheidung fürs Leben trifft, die sie nicht mehr ändern kann. Kann ich verstehen – aber deswegen treffe ich sie trotzdem. Jedes Mal aufs Neue. Hab dich lieb, Mama ❤

Worüber ich mir immer Gedanken mache, abgesehen von was, wo und mit wem: die Körperstelle. Körper verändern sich. Wenn ich meine Mama ansehe, entdecke ich die „Schwachstellen“, die wahrscheinlich auch ich einmal haben werde – denn mal ehrlich: egal wie sehr wir versuchen, auf unsere Körper zu achten und manche Bereiche nicht so werden zu lassen wie bei unseren Eltern (Bierbauch, Orangenhaut etc.) – wir werden so. Das sind eben die Gene. Arbeitet trotzdem dagegen! Aber plant das einfach mit ein, wenn ihr euch tätowieren lasst. Denn die tätowierte Körperstelle wird betont und wollen wir unschöne Stellen betonen? Nein!

Noch ein Grund eine gute Körperstelle auszuwählen: Linien verlaufen mit der Zeit, weil die Haut einfach altert. Das ist ein normaler Prozess. Das ist ok. Und das wissen wir vorher. Also bitte wählt eine Stelle ohne Dehnungsstreifen (bedenkt auch, dass noch welche kommen könnten) und Narben. Körper verändern sich ihr Leben lang. Nicht nur durch Gewichtab- oder -zunahme oder Schwangerschaft.

Und die größte Angst der Eltern: sichtbare Tattoos an Armen oder Händen, im Gesicht oder Hals. Muss man sich einfach genau überlegen. Stört ein Tattoo meine Karriere, weil ich bespielsweise in einem Büro arbeite und seriös wirken muss? Das soll nicht heißen, dass Menschen mit sichtbaren Tattoos nicht seriös sein können. Aber Menschen verbinden einfach Tattoos mit bestimmten Stereotypen und deswegen kann ein tätowierter Bankangestellter Schwierigkeiten in seinem Job haben, die ein Anderer nicht hat. Ich hatte irgendwann für mich beschlossen, dass ein Job, den ich nicht kriege, weil ich ein braves ordentliches organisiertes Mädchen mit Tattoos bin, schlicht und einfach nicht der richtige Job für mich ist. So eine Art Schicksalswink.

Ob ich an das Schicksal glaube? Ja. Denn es ist schon zu viel passiert, das nicht anders zu erklären ist. Mein Schicksal ist aber je nach Laune durchaus mit „Papa lenkt mich“ oder „das hat Gott so eingefädelt“ gleichzusetzen.

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