Stressig vs. langweilig

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Ich verdiene nicht die Welt und der erste Arbeitstag war einfach die Hölle, aber ich bekomme so viele Möglichkeiten eigenständig zu arbeiten und langsam (und möglichst unauffällig) Routinen im Tagesablauf umzugestalten und zu perfektionieren á là beobachten, anders machen, reflektieren, einzelnen Kollegen vorschlagen, Übernahme checken, Manager vorschlagen – dass ich es einfach liebe. Ich lerne etwas (nicht jeden Tag, aber oft) und ich habe nette Kollegen – keine Freundschaften für immer und ewig. Das gute Verhältnis zu meiner direkten Vorgesetzten ist mir auch super wichtig. Sie behandelt mich mit Respekt und deswegen steht außer Frage, dass ich auch ihr gegenüber Respekt habe. Manchmal könnte sie etwas härter sein und bossiger auftreten, aber anscheinend kommt sie mit ihrer soften lieben Art auch gut durch ihr Arbeitsleben und dann darf sie das auch gerne beibehalten.

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Ich mag meine Uniform 🙂 Sie war etwas gewöhnungsbedürftig, aber inzwischen fühle ich mich einfach schick und professionell mit meiner schwarzen Bluse, der Weste und der Krawatte. Wirklich cool für mich ist, dass in der Mitarbeiter-Ordnung steht, dass Lippenstift GEWÜNSCHT ist! Meistens heißt es eher: nicht so viel schminken. Aber ich meine, wir sind echt etwas farblos mit unserem schwarz – da darf ruhig etwas Farbe her! Und seit meinem zweiten Tag habe ich auch bunte Lippen. Weil ich Lippenstift ja eh mag. Und er macht mich erwachsener. Ein bisschen.

Richtig nett ist auch, dass wir in unseren Pausen meistens vom Hotel eine Mahlzeit gestellt bekommen. Nach der Frühstücksschicht darf man sich noch am Buffet bedienen – Mittagessen und Abendessen wird gekocht und man nimmt sich seinen Teller aus der Küche mit. Die Köche mussten sich allerdings erst daran gewöhnen, dass ich Vegetarierin bin … das sorgte am Anfang für ein bisschen Verwirrung, aber inzwischen kennen sie mich.

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Ich bin hier im Service. Restaurant, Bar, Konferenzräume, Frühstücksbuffet. Für die Bar bin ich noch nicht eingelernt, aber das kommt sicherlich noch. Wir haben wirklich große Räumlichkeiten, die von allen möglichen Organisationen gebucht werden. Wir haben hier Banken, die Trainings abhalten oder Spanischkurse. Ganz normale Geschäftstreffen, aber auch Hochzeiten und Partys. Meine erste Veranstaltung war gleich mal eine der größten, die das Hotel hatte: 230 Studenten feiern ihren Abschluss. Ich bin oder war Studentin. Und ich weiß, wie Studenten sein können. Aber irgendwie ist das eine Abschlussessen und da erwartet man doch schon ein bisschen mehr Benehmen. Gesoffen ohne Ende. Überall standen Gläser herum, die umfielen, auf die jemand drauf trat. Die Scherben gefährdeten dann die nackten Füße der jungen Damen, die nach einer Stunde bemerkten, dass ihre super hohen Highheels doch zu hoch waren. Zum Glück waren die Räume nur bis Mitternacht gebucht, denn wir mussten in genau diesen Räumen eine Hochzeit vorbereiten – für den nächsten Tag.

Es wechselt sich eben immer zwischen den Sturmphasen und der Flaute ab. Super Stress – und alles wieder saubermachen und auffüllen. Super Stress – und alles wieder saubermachen und auffüllen. Die ganze Schicht lang. Das Frühstück unter der Woche beginnt um sieben Uhr, es ist also ein Supervisor und eine normale Person, wie ich, ab halb sieben da, um alles vorzubereiten. Die ganzen Geschäftsleute sind um sieben Uhr da. Dann ist Flaute. Und dann kommen die Urlauber, die es nicht so eilig haben. Am Wochenende kommen die Urlauber zuerst, denn sie haben ja was vor. Und dann die Geschäftsleute – oder die Urlauber, die abreisen und so spät wie möglich auschecken wollen.

Richtig cool war es, meine ersten zwei deutschen Touren begrüßen zu dürfen! An zwei Damen habe ich auch die Adresse meines Blogs hier weitergegeben – vielleicht lesen sie ja wirklich mit? Cornwall ist ganz in der Nähe und anscheinend wunderschön – da muss ich noch hin! Und diese Gruppen kommen dann an einem Abend an (waren davor in London) und bleiben vier Nächte, bevor es weiter nach Oxford und zurück nach London geht. Meine erste Gruppe sah ich an drei Morgen. Für die zweite Gruppe war ich fast rund um die Uhr da: Ankunftsabend und an allen vier Morgen zum Frühstück. Das hat ihnen auch deutlich gefallen, denn ich bin fast mit Trinkgeld überschüttet worden – danke! Ich war eben Ansprechpartnerin, Übersetzerin, Englisch-Profi und Klatschobjekt. Durch das großzügige Trinkgeld wurde auch deutlich, dass ihnen das gut gefallen hat und die nächsten Monate, wenn denn dann Gruppen da sind, werde ich das wohl regelmäßig so machen.

Ein anderer Dienst, dem ich dem Hotel erweisen kann, ist, dass ich die Speisekarten für die Deutschen übersetze. Nicht in ein Google-Translator-Deutsch, sondern in eines, das man so auch in einer deutschen Speisekarte lesen könnte. Ich musste da auch feststellen, dass das nicht so einfach ist, wie gedacht. Ich habe ja in Deutschland in keiner Küche gearbeitet, dass ich zum Beispiel wüsste, wie man das Fleisch vom Schweinehintern nennt oder so. Und dann auch noch auf englisch. Und die englische Küche macht einfach ein paar komische Sachen. Die kann man so nicht übersetzen. Man muss sogar bei ganz normalen Sachen nachfragen:

Die Ceasar Salad Geschichte

Es war einmal ein deutsches Mädchen, das der Liebe wegen nach England zog. Weil man für ein schönes Leben Geld benötigt und das nicht vom Himmel fällt, begann sie, in einem Hotel zu arbeiten. Man verstand sich dort sehr gut darauf, alles aus einem Mitarbeiter herauszuholen und deswegen wurde sie nach nicht einmal einer Woche gebeten, eine Speisekarte zu übersetzen, denn es sollten einige deutsche Reisegruppen zu Besuch kommen. Da sie in Deutschland Deutsch studiert hatte und sich der englischen Sprache mächtig fühlte, willigte sie ein. Es ging ihr auch leicht von der Hand und sie übergab stolz ihre Übersetzung. Eines Abends jedoch führte ihre Übersetzung dazu, dass einige Deutsche überrascht wurden: in dem Ceasar Salad, den sie mit „Gemischter Salat mit Hühnchenstreifen“ übersetzt hatte, waren keine Hühnchen-Streifen, sondern Anchovies, salziger Fisch.

Lange Rede kurzer Sinn: sogar der unangenehme Tourguide war hierbei auf meiner Seite und erklärte mir, dass er immer das englische und das deutsche anschaut und meine Übersetzung toll und richtig gewesen wäre. Keiner der deutschen Tourmitglieder sagte irgendetwas zu mir, aber mein Chef regte sich unheimlich auf. Unnötigerweise. Ich hatte Ceasar Salad gegoogelt. Um sicherzugehen, dass er nicht vegetarisch ist. Als sich dann auch noch die Rezeptionsfrau einmischte, war es dann etwas zu viel für mich. Aus irgendwelchen Gründen wollte diese Dame nämlich von Anfang an nicht, dass ich mich der Übersetzung annahm und dass jetzt sogar der Chef rumläuft und sagt, es wäre mein Fehler – gefundenes Fressen für sie. Ich habe dann erst einmal nicht kleinbeigegeben und mich bei meiner Managerin und einem weiteren Manager über dieses unfaire Verhalten beschwert und natürlich Recht bekommen. Und weil die Speisekarte erneuert wurde und ich auch die zweite Übersetzung machen durfte, scheint wohl alles gut zu sein. Letzten Mittwoch sprach ich nochmal alle Gerichte mit dem Küchenchef durch, um mir genau erklären zu lassen, wie was gemacht wird, um künftige Missverständnisse gar nicht erst aufkommen zu lassen.

Und falls jemand von euch in England arbeiten will (ist als EU Mitglied ja ganz einfach) bekommt es sogar noch leichter gemacht: hier im Hotel kann man arbeiten und wohnen. Man zahlt im Monat 140 Pfund für ein eigenes Schlafzimmer und ein Badezimmer, das man sich allerdings teilen muss. Einzige Auflage: man muss hier Vollzeit arbeiten, damit das Hotel sichergehen kann, dass man die Miete bezahlen kann. Essen kann/muss man hier im Hotel. Ich bin nicht sicher, ob man dafür nochmal extra zahlt oder ob das bei den 140 Pfund schon dabei ist. Aber selbst wenn man dafür extra zahlen muss – der Preis ist einfach der Hammer! Die Lage des Hotels übrigens auch: 5 Minuten Fußweg und man ist mitten in der Stadt, eine Minute Fußweg und man ist direkt im Hauptbahnhof.

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3 Gedanken zu “Stressig vs. langweilig

    • Alle Länder haben wirklich was wenn man eine Weile vor Ort bleibt und sich richtig einfindet. Sogar in England ist so vieles spannend und anders… obwohl es ja so europäisch ist trotz allem … Danke für dein Kommi und dass du mir ab jetzt folgst 😉

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  1. Pingback: Was mich glücklich macht … | Caros Photos

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